Trailer_AnimalFarm

Kritik aus den Kieler Nachrichten: Kiel. George Orwell ist wieder in. Der Spezialist fürs Totalitäre, dessen Bücher bis in die Achtzigerjahre sehr an- und danach lange Zeit völlig abgesagt waren, passt in die Gegenwart. Wo sich der Große Bruder in…

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Kritik aus den Kieler Nachrichten:
Kiel. George Orwell ist wieder in. Der Spezialist fürs Totalitäre, dessen Bücher bis in die Achtzigerjahre sehr an- und danach lange Zeit völlig abgesagt waren, passt in die Gegenwart. Wo sich der Große Bruder in Gestalt von NSA, Facebook und Google zu manifestieren scheint, wirkt ein Roman wie 1984 unerwartet aktuell. In dessen 1945 erschienenem Vorgänger Animal Farm warf Orwell einen allegorischen Blick auf die Langzeitfolgen der Oktoberrevolution in Russland, die letztendlich in den Stalinismus mündete.
Indem er die Handlung im Tierreich ansiedelte, schuf er die Basis dafür, das Werk auch als allgemeingültige Parabel über Freiheitskämpfe zu verstehen, die sich in ihr Gegenteil verkehren. Hier setzt Stephan Hintzes Inszenierung an, deren Bühnenbild alles Pastorale vermeidet und die Farm mit vielen Gittern und Holzverschlägen als einen Ort der Massentierhaltung erscheinen lässt. Ihre Insassen schuften in braunen Overalls und Arbeitsstiefeln (Ausstattung: Sibylle Meyer). Allein die im Wechsel aufgesetzten und am Gürtel eingehakten Masken weisen sie als Tiere aus. Der Regisseur lässt sie im Rhythmus ihrer Arbeit laufen, stampfen und klatschen, so dass die Dynamik der Handlung vor allem durch Bewegung umgesetzt wird. Heiko Klotz’ musikalische Begleitung des Geschehens passt sich in dieses Konzept homogen ein.

Zu den enormen und bravourös bewältigten physischen Herausforderungen für die sieben Schauspieler gesellen sich darstellerische. Ingesamt gilt es nämlich, 15 Rollen umzusetzen, weshalb Horst Stenzel hier nicht nur als aus dem Off erzählender Orwell und altersweise grunzendes Schwein Major, sondern auch als Farmer Jones und Esel Benjamin zu erleben ist. Der damit verbundene Wechsel der Tonfälle glückt ihm meisterlich. Ist er andernorts gefordert, schlüpft Johanna Kröner souverän in die Rolle der Erzählerin, die auch dem Narzissmus der Schimmelstute Mollie stimmigen Ausdruck verleiht.

Überzeugend von der listigen zur autoritären Attitüde wechselnd, verkörpert Jost op den Winkel das Schwein Napoleon. Dirk Stierand leistet ihm als Quieker mit eindrucksvoll gespielter Tücke Beistand. Gemeinsam gelingt es dem Duo, das dritte Schwein Schneeball im Bunde zu stigmatisieren, das Matthias Jaschik wohltuend aufrecht als selbstbewussten Gesinnungsethiker präsentiert. Für die Pferdefraktion der Farm zeichnen Julius Ohlemann als stoisches Zugpferd Boxer und Fenja Schneider als zweiflerische Mutterstute Kleeblatt verantwortlich.

Die Beobachtungsgabe der Zuschauer ist durch den konzeptuellen Rahmen dieser eindrucksvollen Ensembleleistung kontinuierlich gefordert. Wer Orwells Original nicht kennt, wird manche der abstrakt umgesetzten Szenen womöglich erst zeitverzögert ganz begreifen. Und wenn in einem Revolutionslieder-Medley der Tiere neben der Marseillaise auch noch Material von Ton, Steine, Scherben und Ernst Busch untergebracht wird, ist die Dechiffrierarbeit durchaus fordernd. All dies verleiht der Inszenierung zugleich einen besonderen Wert. George Orwell kam nicht zuletzt deshalb so aus der Mode, weil seine Werke den Nachgeborenen zu schablonenhaft erschienen. Will man ihren Reiz heute wiederentdecken, sollte man es sich folglich nicht zu einfach machen.

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